Menschen mit Behinderung sind nach wie vor immer und überall Barrieren ausgesetzt! Kommentar zum Disability Pride Month im Juli

Ein Kommentar von Rebekka Pimperl. Rebekka ist nicht nur seit Ende 2025 im SoHo Bundesvorstand, sondern queere Aktivist*innen für Inklusion und (queere) Menschen mit Behinderung.

Im Juli ist Disability Pride Month. Leider ist dieser so wichtige Monat nur sehr wenigen Menschen bekannt.

Dabei sind Menschen mit Behinderungen nach wie vor immer und überall Barrieren ausgesetzt. Wir sprechen hier von Barrieren, die größtenteils künstlich durch Menschen geschaffen werden. Treppen ohne Aufzüge, Veranstaltungen, die nur Stehtische anbieten, Gebäude, die Rollstuhlfahrer:innen keinen Zutritt gewähren, Entscheidungen, die ohne uns über uns getroffen werden oder Menschen, die ungefragt darüber urteilen, ob unsere Leben lebenswert seien. All das sind nur Bruchteile der Probleme, auf die Menschen mit Behinderungen tagtäglich stoßen.

Als Frau hat man es auch im Jahr 2026 noch deutlich schwerer als männlich gelesene Personen. Als queere Frau hat man es nochmal etwas schwerer als eine hetero cis Frau, aber als queere Frau mit Behinderung hat man im wahrsten Sinne des Wortes
den Jackpot geknackt.

Ich persönlich finde es aber sehr schade, dass uns Menschen mit Behinderungen leider auch die Sichtbarkeit innerhalb der queeren Community fehlt. Das liegt auch
daran, dass wir – egal ob in der Hetero- oder in der queeren Community – sehr oft entsexualisiert werden.

Als ich mich geoutet habe, habe ich zu meiner großen Verwunderung festgestellt, dass in meinem Fall nicht mal meine Homosexualität das Problem ist, sondern die Tatsache, dass ich als Frau mit Behinderung, die einen Rollstuhl nutzt, überhaupt eine sexuelle Orientierung habe und kein entsexualisiertes Wesen bin. Da habe ich dann gemerkt: Okay, wenn es also um Menschen mit Behinderung geht, fängt das gesellschaftliche Problem schon viel früher an. So wurde mir erstmals richtig bewusst, wie wichtig intersektionales Denken ist, denn wir sind nicht nur behindert oder nur queer. Nein, wir können auch beides und noch so vieles mehr sein.

Nachdem ich dann als Rollstuhlfahrerin offen lesbisch gelebt habe und meine erste Beziehung mit einer Frau führte, erlebte ich immer wieder, dass Menschen meine Homosexualität mit meiner Behinderung erklären oder sogar rechtfertigen wollten, denn Männer wären ja laut der Meinung der Gesellschaft grundsätzlich oberflächlicher als Frauen und hätten daher eher ein Problem mit einer Frau im Rollstuhl und demnach wäre es mir ja zu verzeihen, dass ich auf Frauen „ausweichen“ würde. Was sich wie ein schlechter Scherz liest, war meine bittere Realität, gegen die ich mich lange nicht ausreichend zu verteidigen wusste. Plötzlich war da dieses Gefühl, dass meine Homosexualität gerade so geduldet wird, da ich ja behindert bin.

Davon ganz abgesehen, war die Meinung der Gesellschaft so gar nicht deckungsgleich mit meinen Erfahrungen, da ich innerhalb der queeren Community witzigerweise wesentlich mehr Vorurteile gegenüber meiner Behinderung erlebt habe als zu jener Zeit, in der ich noch hetero gedatet habe und noch nicht geoutet war.

Die Entsexualisierung ist die eine Seite derselben Medaille. Auf der anderen Seite steht ihr scheinbares Gegenteil: die Fetischisierung von Menschen mit Behinderungen. Man bekommt zurecht sehr schnell das Gefühl, dass einem entweder alle Rechte und Bedürfnisse abgesprochen werden oder man nicht selten als Fetischobjekte wahrgenommen wird.

Dazu frage ich mich: Mit welchem Recht denn?! Menschen mit Behinderungen haben genau wie Menschen ohne Behinderungen das Recht auf Beziehungen auf Augenhöhe, das Verlangen nach körperlicher Liebe oder den Wunsch nach Elternschaft, der leider in der Gesellschaft noch immer den Rahmen des Vorstellbaren sprengt und uns deshalb auch im Jahr 2026 noch immer größtenteils abgesprochen wird.

Wir sind weder asexuell noch ein Fetisch. Wir sind Menschen mit individuellen Wünschen, Grenzen, Beziehungen und Lebensentwürfen. Genau darin liegt unsere Normalität.

Unsere Sexualität, unsere Partnerschaften und unsere Familienplanung sind weder außergewöhnlich noch erklärungsbedürftig. Und dennoch erklären wir uns gefühlt ein Leben lang.

Auch im medizinischen Bereich. Als queere Frau mit Behinderung habe ich leider nicht immer das Privileg, die nächste LGBTIQ+ freundliche Ärzt:innenpraxis aufzusuchen. Viel öfter verhält es sich so, dass ich die nächste barrierefrei zugängliche Praxis aufsuchen und darauf hoffen muss, dass ich als lesbische Frau mit Kinderwunsch auch dort willkommen bin.

Den Disability Pride Month braucht es deshalb nicht, weil wir unsere Behinderungen feiern. Sondern weil wir unseren Weg in einer Gesellschaft gehen, die noch immer nicht für alle gemacht ist. Und dennoch sind wir ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft.

Für mich bedeutet Disability Pride, mich nicht für meine Existenz zu entschuldigen. Nicht leiser zu werden, damit andere sich wohler fühlen. Und nicht ständig beweisen zu müssen, dass mein Leben lebenswert ist.

Wir haben weder „besondere Bedürfnisse“ noch brauchen wir Bewunderung, Mitleid oder eine Sonderrolle.

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der Barrierefreiheit, Respekt und Teilhabe selbstverständlich sind. Eine Gesellschaft, die uns nicht trotz unserer Behinderung akzeptiert, sondern mit ihr, weil wir schon immer selbstverständlich zu ihr gehören.

 

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